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Martin Zehrer: Klein-Anna findet das Christkind

„Mutti, Mutti!“, rief Klein-Anna ganz aufgeregt, als sie in die Küche stürmte. Ihr Skianzug war vom Spielen im Hof ganz nass geworden, und an ihren Stiefeln hing sogar noch etwas Schnee. Sie hatte es mit ihrer Nachricht so eilig, dass sie nicht einmal Zeit gefunden hatte, ihre Mütze und ihre Handschuhe auszuziehen.

„Was gibt es denn, mein Schatz?“, fragte Frau Lohner ihre vierjährige Tochter mit warmer Stimme.

„Mutti!“, stieß Anna ganz außer Atem hervor, weil sie die Treppe zur Wohnung hinaufgerannt war. „In unserm Hof sitzt ein Mann in einer Schachtel!“

„Ein Mann?“ Frau Lohner war etwas beunruhigt.

Herr Lohner, dem die Aufregung in der Küche nicht entgangen war, kam herein. „Was ist denn los?“, fragte er.

„Anna hat eben erzählt, dass unten im Hof ein Mann in einer Schachtel sitzen würde“, erwiderte seine Frau.

„Wahrscheinlich ein Penner, der seinen Rausch ausschlafen will“, mutmaßte Herr Lohner.

„Um Gottes Willen!“, stieß Frau Lohner hervor. „Bei dieser Kälte holt er sich ja den Tod!“

„Soll ich die Hausverwaltung anrufen?“, überlegte ihr Mann.

„Jetzt am Heiligen Abend?“, fragte Frau Lohner verwundert. „Da wirst du keinen mehr erreichen! Ich schau mal lieber selber nach dem Mann.“

„Warte Mutti, ich komme mit!“ Klein-Anna eilte ihrer Mutter nach.

„Ich finde das keine gute Idee!“, rief Herr Lohner den beiden hinterher. „Und überhaupt, was wird mit dem Essen? Um sechs kommen doch deine Eltern!“

„Mach ich später“, entgegnete seine Frau jedoch nur und zog dabei ihre Stiefel an. Dann schlüpfte sie in den Steppmantel und ging mit Anna hinunter in den Hof.

„Verdammt!“, zischte Herr Lohner. „Und das alles nur wegen so eines blöden Penners!“

Hastig zog er sich nun auch Schuhe und Winterjacke an, griff sich den Wohnungsschlüssel und eilte ins Treppenhaus. „So ein verdammter Scheiß!“, fluchte er laut, während er die Treppe nach unten lief.

Anna hatte inzwischen ihre Mutter zu einem großen Waschmaschinenkarton geführt. Vorsichtig klopfte Frau Lohner an die Pappe. „Ist hier jemand?“, fragte sie etwas ängstlich.

Der Karton öffnete sich und zum Vorschein kam ein ungepflegter Mann mit heruntergekommenen Kleidern, Zottelbart und langen Haaren.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte sie.

„Ich wille schlafe“, erwiderte der Mann und fügte dann noch hinzu: „Draußen auf Straß ist viele kalt. Aber hier wärmer, weil nicht so viele Wind.“

„Aber Sie holen sich bei der Kälte doch den Tod! Kommen Sie und wärmen Sie sich wenigstens bei eine Tasse Tee bei uns auf!“

Herr Lohner war inzwischen ebenfalls zu den dreien gestoßen. Die Hilfsbereitschaft seiner Frau ging ihm entschieden zu weit. „Inge, darf ich dich daran erinnern, dass bald deine Eltern zu Besuch kommen!“, fauchte er und deutete dabei auf seine Armbanduhr.

„Ist ja gut, Arthur!“, beschwichtigte ihn Frau Lohner. „Ich kümmere mich schon um das Essen. Aber dieser Mann braucht erst einmal einen heißen Tee!“

Noch ehe ihr Mann etwas einwenden konnte, führte sie den Fremden zur Haustüre und die Treppe hinauf in die Wohnung. Auf dem Weg dorthin erfuhr sie, dass der Mann Viktor hieß und keinen Platz zum Schlafen hatte.

Herr Lohner ging ein paar Stufen hinter den dreien und überlegte fieberhaft, wie sie den Penner wieder loswerden konnten. Gut, einen heißen Tee sollte er haben, doch danach würde er den Mann sofort in die nächste Obdachlosenunterkunft fahren. Leider gab es für ihn bald den nächsten Schock. Seiner Frau war nämlich der üble Geruch ihres Gastes aufgefallen. Deshalb schlug sie vor: „Viktor, was halten Sie davon, wenn Sie kurz unter die Dusche gehen, während ich für uns Tee koche.“

„Oh, ich möcht nicht machen viel Problem“, erwiderte der Bärtige schüchtern.

„Ach, das ist gar kein Problem!“, meinte Frau Lohner.

Herr Lohner warf seiner Frau einen wütenden Blick zu und brachte damit sein Missfallen zum Ausdruck. Dann verschwand er im Arbeitszimmer. Er musste so schnell wie möglich eine Obdachlosenunterkunft finden, ehe hier alles aus dem Ruder lief. Leider war das Internet wieder einmal zusammengebrochen. So schnappte er sich das Telefonbuch und versuchte, jemanden zu erreichen, der ihnen diesen dreckigen, verlausten Kerl abnehmen konnte.

Unterdessen brachte Frau Lohner Viktor etwas Frisches zum Anziehen und zeigte ihm das Bad. Viktor legte seine schmutzigen Klamotten vor die Badezimmertüre, sodass Frau Lohner sie in der Küche in die Waschmaschine stecken konnte. Gerade als sie das Teewasser aufgießen wollte kam Viktor frisch geduscht und neu gekleidet in die Küche. Frau Lohner fand aber, dass ihr Gast mit den langen Haaren und dem Zottelbart noch immer recht ungepflegt aussah und bot ihm deshalb an, ihm die Haare und den Bart zu schneiden.

Viktor zierte sich ein wenig, weil er „nicht zu viel Problem“ machen wollte. Doch Frau Lohner versicherte ihm, dass es für sie als gelernte Frisörin, da kein Problem gab.

Während ihre Mutter mit Kamm, Schere und Rasierer zu Werke ging, sang Klein-Anna, sehr zur Freude von Viktor, ihr neues Lied, das sie im Kindergarten gelernt hatte: „Es hat sich heut eröffnet das himmlische Tor, die Engelein, die kugeln ganz haufenweis hervor …“

Gerade als Frau Lohner ihre Frisörarbeiten beendet hatte, kam Herr Lohner frustriert herein, weil er nichts erreicht hatte. Als er jedoch Viktor sah, blieb ihm vor Staunen der Mund offen. Aus dem schmuddeligen Penner war ein gepflegter Gentleman mit perfekt getrimmtem Bart und moderner Kurzhaarfrisur geworden.

Da klingelte es an der Türe.

„Ich geh schon!“, rief Herr Lohner.

„Oma und Opa sind da!“, freute sich Klein-Anna und stürmte zur Wohnungstüre.

„Entschuldigen Sie mich kurz“, sagte auch Frau Lohner und ließ Viktor alleine in der Küche zurück.

Anna war enttäuscht, dass nur eine Nachbarin gekommen war, die eine Schüssel zurückbrachte.

Als die Familie jedoch in die Küche zurückkam verschlug es allen den Atem. Viktor war verschwunden. Die Waschmaschine, die eben noch gelaufen war, stand offen und war leer. Und die Kleidung, die Frau Lohner dem Fremden gegeben hatte lag ordentlich gefaltet auf dem Tisch, so als hätte Viktor sie nie angerührt. Auch Viktors schwarze Haarsträhnen waren vom Boden verschwunden

Klein Anna war die erste, die die Sprache wieder fand: „Viktor war das Christkind!“, schrie sie begeistert und rannte ins Wohnzimmer. Strahlend stand sie vor dem hell erleuchteten Christbaum mit den vielen Geschenken darunter.

„Viktor war das Christkind!“, sagte sie noch einmal, als auch ihre Eltern ins Wohnzimmer kamen. Nun schossen Herrn Lohner die Tränen in die Augen. „Ja, Anna, ich glaube du hast Recht. Das Christkind kommt ganz arm und unscheinbar in diese Welt. Und ich Idiot hätte es am liebsten wieder rausgeschmissen, weil es nicht in Windeln gewickelt in einer Krippe lag, sondern in eine Wolldecke gehüllt in einem Waschmaschinenkarton saß!“

Als Anna die Tränen ihres Vaters sah, drückte sie ihn ganz fest. „Nicht weinen, Vati!“ versucht sie zu trösten. „Es ist doch noch einmal alles gut gegangen!“

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